Der soziologische Blick: Klimakrise trifft auf Kapitalismus

Soziologe Philipp Staab im Interview: ‌Wachstum zerbricht Zukunft (30′)

Systeme, die unser Leben bestimmen, stehen im Moment in einem Widerspruch: Das Klima erhitzt sich und stellt unsere Lebensgrundlagen in Frage, die Ökonomie schafft es nicht, das zu integrieren, und die Politik hadert statt zu handeln.

Nach 10 Minuten Geplänkel kommt das Gespräch in Fahrt und Staab droppt eine interessante Beschreibung der verkorksten Situation aus soziologischer Perspektive sowie eine mögliche weitere Entwicklung.

Herausforderung und Erneuerung

Bei der Bearbeitung der grossen gesellschaftlichen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts kam dem Staat eine bestimmende Rolle zu: Der Sozialstaat sicherte (im Optimalfall) Verdienst, Rente und Gesundheit und federte die Zumutungen des Kapitalismus ab.

Die grosse Herausforderung unserer Zeit ist die Klimakrise. Doch die Selbsterneuerung des Kapitalismus als grüner Kapitalismus ist krachend gescheitert (Min. 12). Nach 2015 wurden Anfänge von Infrastrukturpolitik und Marktdesign sichtbar, dann aber wieder abgewürgt. Der Kapitalismus scheint die Krise nicht produktiv bearbeiten zu können, und die Politik tut sich ebenfalls schwer.

Versprechen und Vertrauen

Laut Staab hat das damit zu tun, dass die Voraussetzungen für gesellschaftliche Modernisierungsprogramme nicht mehr da seien.

Einerseits muss es etwas zu gewinnen geben, eine bessere Zukunft, es braucht ein Fortschrittsversprechen. Aber die Zukunft scheint momentan nicht hell und offen wie ein weisses Blatt, sondern kriselig und in beengenden Szenarien-Korridoren eingeschlossen. (Min. 15)

Die Vergrösserung individueller Freiheiten (mehr Freizeit, mehr Selbstentfaltung, mehr Konsum, z.B. Wohnraum und Mobilität) hat lange als solches Versprechen gedient und war Motor für Transformation und Modernisierung. Aber gerade der Ökologiediskurs hat die individuellen Freiheiten stark in Frage gestellt – sie sind ambivalent geworden.

Gleichzeitig wurde das Vertrauen, dass der Staat das eigene Leben schützt und Risiken fernhält, vom Neoliberalismus zertrümmert. Seit den 1980er-Jahren wälzt der Staat Systemprobleme auf die Individuen ab: Wohlfahrtsstaat? Zu teuer, Kinder und Gesundheit und Rente sind dein Problem. CO₂-Emissionen? Konsumier halt keine Fossile! Resultat: Verinnerlichter Individualismus, dazu Überforderung und Misstrauen gegenüber dem politischen System.

Es fehlt also sowohl an einer attraktiv erscheinenden Aussicht als auch an einer Vertrauensbasis. So weit so schlecht. Was also tun?

Zustand und Zukunft

Zuerst zum Jetzt. Nach dem gescheiterten Versuch gebe es einen Schweigepakt: Die Situation wird mental und aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt. Aber aus Umfragen wisse man, dass die Klimafrage 90% der Leute beunruhigt (Min. 19).

Aber wenn man etwas verdrängen muss, dann muss man das ja deswegen, weil es einen bedrängt. Und deswegen können wir davon ausgehen, dass dieses Thema in naher Zukunft wieder auf die Landkarte der politischen Konflikte zurückkehren wird.

Hier sticht die plumpe rechte Antwort hinein feat. das dümmste Versprechen ever: Gestern ist das bessere Morgen, alles zurückdrehen und gut ist. Aber Verleugnung trägt nicht ewig. Fragt sich, wie das Thema ohne Fortschrittsversprechen politisch adressierbar ist.

Staab vermutet, dass der progressive Diskurs über Gerechtigkeitsfragen laufen wird. Im Zentrum muss stehen, dass sich niemand aus der Verantwortung stiehlt oder Profit aus der Situation zieht. Nicht mehr Preise werden Thema sein, sondern öffentliche Infrastrukturen und Organisation, Zugang und Anrechte, und da kommt der Staat wieder zum Zug.

Kommt dazu: In einer Welt mit eskalierendem Klimaszenario und realen Schäden werde der Staat sowieso wieder eine stärkere Rolle einnehmen (Min. 26) – Denn die politische Reaktion auf bevorstehende Katastrophen wie Überflutungen oder Hitzewellen kann nur sein: Wir bauen wieder auf, whatever it takes. Das stärkt tendenziell das Band zwischen Staat und Bürger:innen (was aber nicht heisse, dass es per se die Demokratie stärke).

Kim   •   16.2.2026