Uruguay: Beispiel für eine gelungene Energiewende?

Volts: Interview mit Ramón Méndez Galain, der die Elektrizitätswende in Uruguay als Energiedirektor 2008–2015 verantwortete (1h, englisch, Audio und Transkript)

Uruguay hat es in den letzten 20 Jahren geschafft, die Fossilabhängigkeit fast ganz abzustreifen – allerdings nur im Strombereich (der Titel bei Volts mit Dekarbonisierung ist da etwas irreführend; im Anreisser wird dann präzisiert: decarbonize the grid).

Was wurde erreicht?

Quellen der Stromerzeugung in Uruguay, 2000–2025
Ember

Die Stromerzeugung wurde in Uruguay traditionell mit Wasserkraftwerken bewerkstelligt. Wenn das Wasser nicht ausreichte, wurde die Lücke mit Fossilen gefüllt. Im Jahr 2008 waren die Pegelstände niedrig – fast 40% des Stroms mussten mit importiertem Öl produziert werden, das wegen des Ölpreisschocks um ein Vielfaches teurer war.

Ein neuer Plan musste her. Ein AKW vielleicht? Uniprofessor Galain mischte sich in die Debatte ein: Nein, Erneuerbare! Die linke Regierung fragte ihn, ob er den Plan als Energiedirektor gleich selbst erarbeiten wollte.

Seither wurden Erneuerbare massiv ausgebaut – v.a. die Windenergie, die 2025 mit 40% sogar einen grösseren Teil als Wasserkaft zum Strommix beitrug; aber auch Biomasse wurde mit 25% zu einer wichtigen Säule. Dies hängt mit Uruguays bedeutender Zellstoffindustrie (Papierherstellung) zusammen, bei der grosse Mengen Reststoffe anfallen, die verstromt oder zu Biodiesel verarbeitet werden.

Wie toll ist das?

Schaut man sich den Primärenergieverbrauch (also den gesamten Verbrauch inkl. Transport etc.) an, sieht es weniger rosig aus: 48% stammen aus Biomasse, 35% aus Fossilen (IEA).

Das ist zwar nicht mehr so beeindruckend wie «98% nachhaltig» (z.B. Guardian), aber trotzdem noch recht gut: Während das Elektrifizierungs-Vorbildland Norwegen oder auch Europa als ganzes ebenfalls bei 35% Öl stehen (OWID), kommen meist noch Kohle und Gas dazu, womit Fossile eher bei 80% stehen, in etwas weniger dramatischen Fällen wie Norwegen und Schweiz noch auf 50% – also erheblich schlechter als 35%.

Hinter die Nachhaltigkeit von Biomasse würde ich ein Fragezeichen setzen: Zweitnutzung ist natürlich gut, aber Eukalyptus-Monokulturen und Biodiesel aus Pflanzen lässt bei mir eher den «Greenwashing»-Alert als das grüne Öko-Lämpchen angehen. (Im Podcast wird dies leider nicht besprochen.)

Zusätzlich zur Dekarbonisierung muss langfristig auch eine Elektrifizierung stattfinden. Mit etwa 25% Anteil am Primärenergieverbrauch (eigene Berechnung) scheint diese noch nicht sehr weit fortgeschritten – was allerdings auch für Europa (20%) oder die Schweiz (27%) gilt (OWID).

Unterm Strich also durchaus solide bis beeindruckend für ein Land, das nicht reich ist.

Gut aufgleisen hilft

Genauso wichtig wie die Zahlen ist die politische Vorgehensweise und Verankerung. Und hier scheint Uruguay wirklich etwas richtig gemacht zu haben.

Der interviewte Ramón Méndez Galain war vor seiner Stelle als «Energiedirektor» 2008–2015 Physikprofessor. (Wenn ich es richtig deute, ist ‌Energiedirektor eine Stufe unter Minister, steht also zwischen Politik und Verwaltung).

Das war wohl ein geschickter Schachzug des linken Prädisenten: Er nutzte die Energiekrise, um das Thema zu lancieren, politisierte es aber nicht, sondern liess einem analytisch vorgehenden Technokraten den Vortritt. Der Plan war breit abgestützt, wurde also auch von der Opposition unterstützt, und riskierte somit nicht, bei der nächsten Wahl über Bord geworfen zu werden.

Kostenoptimum trifft Nachhaltigkeit

Dazu war der Plan ökonomisch pragmatisch: Man investierte dort, wo es sich am meisten lohnte, und versucht nicht mit puristischem Eifer, um jeden Preis die letzten paar Prozent Fossile aus dem Netz zu kriegen.

Es wurde minutiös geplant, modelliert und simuliert, welche Stromnachfrage wie gedeckt würde, wie teuer das Gesamtsystem je nach Ausgestaltung kommen würde, und wie die Stunden oder Tage ohne eine bestimmte Energiequelle überbrückt werden könnten. (Galain spricht begeistert von der Suche nach dem Optimum – Differentialgleichungen sind scheinbar der Verbrüderungsgruss von Naturwissenschaft und Ökonomie.)

Es funktionierte: Strom wurde um ein Vielfaches billiger und das Netz ist nun viel stabiler, während es viel sauberer aufgestellt ist. Galain will diesen Ansatz nun anderen Ländern schmackhaft machen (Min. 45):

We [try to bring] information to decision-makers and to the private sector in many countries in the Global South, [offering simulations of] the consequences for them if they go to the optimum definition of the system – not based on political climate decision or goals, just on the optimal cost of the country using … the present technologies [in a smart way].

Und, tada: Das Kostenoptimum ist meist sehr nah am Klimaoptimum – Erneuerbare sind der Sockel jedes vernünftig geplanten Stromsystems:

Any country in the world, if they [design and implement] the appropriate system, can be at least 80% renewable.

Unterm Strich: ¿Por qué no los cuatro, ahora, global?

Die Stromversorgung von Uruguay wurde durch minutiöse Planung und Integration von viel Windenergie nachhaltiger, robuster, autonomer, billiger – und das alles ist dank schlauem Vorgehen gut verankert. Da geht noch mehr (Elektrisierung), aber wenn alle Länder schon so weit wären oder sich daran ein Beispiel nähmen, wären wir um einiges weiter.

Kim   •   3.10.2026