Warum Klima nicht mehr Thema ist

Podcast Gute Frage! der Republik: Warum redet kaum mehr jemand über die Klima­krise? (Schweizerdeutsch)

Das Gespräch ist eine Art Rückblick auf die letzten zehn Jahre Schweizer und internationale Klimadebatten und Klimapolitik. Es liefert eine gute Lagebesprechung und einen Überblick über die Thesen, warum es so gekommen ist.

Schwarz und lila: Zwei Brillen aufs grosse Ganze

(ab Min. 8)

Wie geht’s nun mit dem Klima und der Klimapolitik? Schlecht, kann man mit guten Gründen behaupten. Aber auch sehr gut, kann man ebenfalls mit guten Gründen entgegenhalten.

Ja, es reicht nicht. An +1.5° sind wir definitiv vorbei und 2° werden auch schwierig. Das ist übel und scheisse und eine Katastrophe, tschüss Korallen, hallo Extremwetter.

Und gleichzeitig gibt es berechtigte Hoffnung (wie sie hier ja auch gepflegt wird), weil der Solarausbau steil nach oben zeigt.

Das grosse Ganze setzt sich aus Datenpunkten zusammen, die in verschiedene Interpretationsrichtungen ziehen. Die dunkelschwarze und die rosa Brille – sie beide sehen etwas Wahres.

Kulturkampf und Kosten

(ab Min. 18)

Die Rechte versucht, Klimafragen zu einem Kulturkampf zu machen – in den USA hat das sehr gut funktioniert, in UK und Deutschland teilweise (z.B. bei Windkraft, aber nicht bei Solarausbau und dem Klimawandel als solches).

In der Schweiz hat es nach dem Urteil der Diskutierenden nicht funktioniert; das stimmt vielleicht für Wärmepumpen (anders als in Deutschland), aber ich würde meinen, bei Windkraft schon (was im Podcast mit Naturverbundenheit begründet wird – aber die gibt’s ja auch in Deutschland und Österreich, wo viel mehr Windräder stehen).

Ein guter Punkt: In der Schweiz wird Energiepolitik besser lokal verankert durch Mitsprache in Gemeinden und Kantonen.

Und noch ein guter Punkt: Das Problem der populistischen Rechten ist, dass sie nichts anbieten kann ausser "shoot the messenger" – also den Leute, die etwas tun wollen fürs Klima einen Verbotsfetisch zu unterstellen.

Weil Klimaleugnung nicht mehrheitsfähig ist, wird das Fest der Ausreden gefeiert – «Wir machen schon genug» (nein), "Man darf das nicht politisieren» (das = Klimapolitik?), «Die Schweiz ist eh zu klein, um etwas zu tun» (cool, dann können wir das mit dem Abstimmen ja sein lassen).

Wie also gelingt Klimapolitik?

(ab Min. 24)

Wir kommen also zur Greta-, tschuldigung, Gretchenfrage: Wie treibt man Klimapolitik voran? Was ist der güldne Gral, der eindeutig gute Weg™, welches sind die richtigen Frames und Diskurse? ‌Was hat das progressive Lager falsch gemacht?

Aber zuerst mal Auslegeordnung. Themenkomplexe:

  • Verlustängste: Veränderung kostet. Und zwar nicht nur Geld für die neue Heizung oder direkt den Job. Sie bedrängt auch Gewissheiten und Selbstbild Beispiel Landwirtschaft: Weniger Milch herstellen hiesse weniger Kühe hiesse ein anderes Leben. Einen Job gäbe es da wohl auch noch. Aber Bauer sein hiesse etwas anderes.
  • Verteilungsfragen: Oft trifft Klimapolitik die Falschen. Der Widerstand der Gilet Jaunes hat das prominent gezeigt.
  • Diskurse und Frames: Dazu gibt es gleich mehrere Thesen:
    • Die Klimakleber seien kontraproduktiv gewesen, ihr Protest war falsch adressiert.
    • Die Ehrlichkeit fehle, gleichzeitig werde kommuniziert, dass sich alles ändern müsse und dass alles so weitergehen könne – so redet man mit Kindern. Stattdessen müssten Politiker:innen sagen, was ist: Ja, einiges wird teurer und ja, es wird auch Beschränkungen geben.
    • Hoffnung oder Angst: Es braucht positive Frames, keine Panik. Oder nicht nur Panik, denn das macht unempfänglich. Aber schon auch ein bisschen? Positivbeispiel Gletscherinitiave: Sie stellte das Bewahren ins Zentrum und inszenierte es geschickt.

Die Grenzen der Politdiskursanalyse

Die Frage, wie Fortschritte in der Klimapolitik zustande kommen, treibt mich auch um. (Man muss sich an dieser Stelle den Autor als einen sich im Politdiskursanalyse-Analyse-Fauteuil Aufrichtenden vorstellen. Mehr meta gewinnt!)

Hier stösst das Gespräch meines Erachtens an eine Grenze.

Narrativ und Framing sind wichtig; Gefühle ansprechen und positive Visionen sind essentiell; Ehrlichkeit bzw. Konsistenz ist unabdingbar; keine Frage. Aber das ist nicht alles.

  • Die "grosspolitische Wetterlage" ist manchmal entscheidender, wie auch der Podcast einräumt (Min. 43) – Corona hat den Fokus krass verschoben, danach war das Momentum weg; und nun nimmt der irrlichternde Egomane an der Spitze der USA einen Grossteil des Raums ein.
  • Wir wissen nicht, ob es ohne Klimakleber anders gelaufen wäre. Aber dass eine umstrittene Protestform der Todesstoss für die ganze Klimabewegung war (nach der Logik nur niemanden brüskieren!) halte ich für masslos übertrieben.¹ Bevor sie common sense sind, sind neue Forderungen immer radikal. Und radikalere Teile können einer Bewegung sogar nützen (Stichwörter Radical flank effect und Diversity of tactics).²
  • Auch die besten Frames können scheitern. An der Themenkonkjunktur, an Medienkampagnen, und: am Backlash, geschürt durch fossiles Geld. Das kommt für mein Gefühl im Podcast zu wenig zur Sprache.³

Man kann lange über das Zustandekommen politischer Trends werweissen (und ich finde das alles spannend). Aber die Spindoctor-Sicht auf Politik (wenn man richtig vorgegangen wäre, hätte es gelingen können) hat einen einseitigen Fokus. Sie ignoriert, dass das Richtige™ und Gute™ nicht (nur) an polittaktischen Fehlern scheitert, sondern auch an Politzyklen und dem Gegendruck von handfesten Interessen, die sich organisieren, wenn jemand ihnen die 37cm Marmelade vom Zopf nehmen will und dabei Oberwasser gewinnt.

Wenn sich das 801’237’192’831. Mal zeigt, dass man gegen mächtige Wirtschaftsinteressen nicht ankommt und immer noch das Gefühl hat, wenn man’s nur richtig angegangen wäre und den genau richtigen Vorschlag so elegant platziert hätte, dass niemand hätte nein sagen können, bin ich in grosser Versuchung, lange Rants über liberale Dissonanzbereinigung abzulassen – Save me from lib pod saves xyz!

Das Umherschieben von schwerelosen Thesen wie diesen erledigt sich damit m.E. auch:

  • «wenn die Politik nur ehrlicher wäre…» (ohai Traumland, wo Politik immer total aufrichtig ist und jegliche Notwendigkeit von Inszierung und medialen Kapagnen sich magisch in Luft aufgelöst haben und nur noch das bessere Argument zählt)
  • «zu viel Facts und Zahlen, zu wenig Gefühle angesprochen» (ohai Albtraumland, wo Menschen reine Gefühlsbündel sind und von Grafiken so abgestossen werden, dass sie aus Trotz nur noch schmollen)
  • «mehr gute Feels, weniger nerven» (als ob es eine Formel gäbe, dass ein gesichteter Klimakleber einem Anstieg um 200 Petrotoxizitätspunkte entspräche und nur angenehme Botschaften wahr sein können).
  • «Stillstand vs. Fortschritt und Naturliebe» (auch bekannt als das grosse Dilemma zwischen draussen sein oder essen oder sitzen, was sich bekanntlich ausschliesst)

Wo die Politik unter der Prämisse von wirtschaftlichen (oder auch Selbstbild-) Interessen besprochen wird, kommt auch mehr raus:

  • Der Krieg in der Ukraine wurde (groteskerweise) dafür benutzt, um eine falsche Dichotomie aufzumachen und einen Rollback in der Landwirtschaftspolitik durchzuführen: «Wir müssen unabhängig Essen produzieren, da hat Nachhaltigkeit keinen Platz» – das kann man sehr gut mit Fakten kontern: meinte man es mit dem Selbstversorgungsgrad ernst, müsste man als erstes weniger Vieh halten. (Min. 17)
  • Wenn Klimapolitik an Verteilungsfragen scheitert, könnte man ja wirklich mal über Verteilungspolitik reden? Die CO₂-Abgabe funktioniert nämlich super, könnte aber noch ausgebaut werden. Und wieso eigentlich werden weniger schädliche Autos sowie Heizungen und Solaranlagen für Hausbesitzende subventioniert, während Velofahrerinnen, Fussgänger und Mieter:innen leer ausgehen?

Wie man das dann verpackt, können wir gern in Podcasts besprechen. Wir sollten uns einfach bewusst sein, dass politische Kommunikation ein nötiger Teil unter vielen ist, nicht Anfang und Ende aller Veränderung.

 

Anmerkungen

  1. Ich würde eher davon ausgehen, dass Klimakleber:innen für Klimagenervte und um gute Looks bemühte Klimabekümmerte gleichsam einen perfekten Schuldigen abgeben: Das ist doch daneben; die wollen doch alle nur nervern mit ihrem Klima-Getue auf der einen Seite, auf der anderen Die haben die Klimafrage schlecht aussehen lassen, wegen denen haben wir verloren. Nach meinem Verständnis war diese Art des Aktivismus genau der Versuch, Leute emotional aus der Verdrängung in die Emotion zu ziehen. Das hat funktioniert (Aufmerksamkeit und Emotion waren definitiv da), aber auch nicht (keine Aufmerksamkeit fürs Thema, Emotionen überschäumend in alle Richtungen). Es war ein Versuch. Falsch adressiert ist eine legitime Kritik. Aber (1.) ist immer erst im Nachhinein klar, was funktioniert; und darum sollten wir m.E. (2.) grosszügig sein mit allen, die etwas probieren.
  2. Es ist allgemein bekannt, dass breite Allianzen von unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Vorgehensweisen am meisten Kraft für Veränderung entfalten: Umweltorganisationen, nachbarschaftliches Engagement, netter und forscher Aktivismus, Parteien und Wissenschaft und Organisationen etc. mit verschiedenen Vorgehensweisen, thematischen Ausrichtungen und Ansprachen – da haben Facts genauso Platz wie emotionalere Ansprachen.
  3. Ein Backlash kann auf zwei Arten ausgelegt werden: (1) «Oh noes, wir wollten zu viel!» (2) «Wir haben etwas erreicht, denn sonst würde sich niemand angegriffen fühlen.» – Ich habe mehr Sympathien für Lesart 2. Gute Politik sollte gross anrichten und darauf zielen, den Diskurs zu verschieben, nicht darauf, taktisch geschickt Dinge durchzuschmuggeln.
Kim   •   13.4.2026